
Der Hochschulbereich erfährt seit Abschluss der Ausbauphase, die sich in den sechziger und frühen siebziger Jahren vollzog, keine nennenswerten Zuwächse mehr. "Strukturpläne" und -"maßnahmen", die auf eine Aufgabenreduzierung abzielen, werden immer wieder periodisch in den Bundesländern, die die Hochschulen zu etwa 90 Prozent finanzieren, ergriffen. Darauf folgen Jahre leichter Zuwächse, vorübergehende Anstrengungen zur Förderung von Bildung und Wissenschaft. Der demographische Trend, der sich frühestens in 10 Jahren in nachlassenden Anfänger- und Studierendenzahlen niederschlagen wird, und vorübergehende Einbrüche bei den Anfängerzahlen, die längst überwunden sind, werden vor dem Hintergrund der desolaten Haushaltslage in den Ländern zum Anlass genommen, Stellen und Mittel zu kürzen. Studierende in Berlin, Hessen und Bayern demonstrierten im Wintersemester 2003/3004 öffentlichkeitswirksam, weil sie einen Widerspruch zwischen dem öffentlichen Bekenntnis zur Bedeutung von Wissenschaft, Forschung und der Sparpolitik in den Bundesländern sehen.
Die methodischen Probleme
Diese Entwicklungen werfen die Frage auf, wie sich die finanzielle Situation der Hochschulen in der Vergangenheit gemessen an ihren Aufgaben entwickelt hat, in welchem Umfang das deutsche Hochschulsystem absolut und im internationalen Vergleich unterfinanziert ist. Allerdings ist es schwierig, auf diese Frage eine exakte Antwort zu geben. Hierfür sind zwei Gründe ausschlaggebend:
1. Aufgrund nicht definierter Parameter (Kosten, Preise für die einzelne Leistungen der Hochschule) ist es nicht möglich, die Kosten einzelner Leistungen der Hochschulen und damit auch nicht das Defizit bei der Hochschulfinanzierung genau zu beziffern. Im Eckwertepapier der Regierungschefs von Bund und Ländern wurde im Jahre 1994 ein Fehlbedarf von 4,2 Milliarden Euro auf der Basis "gegriffener" Werte veranschlagt. 2. Offizielle Zahlen aus der Hochschulfinanzstatistik liegen nur bis einschließlich 2001 vor. Es gibt keine verlässlichen Daten darüber, wie sich die Finanzierung der Hochschulen in den 16 Ländern in 2002 und 2003 und im laufenden Haushaltsjahr entwickelt hat.
Die Ausgaben der Hochschulen im Jahre 2001
Im Jahre 2001 gaben die Hochschulen 19,1 Milliarden Euro für Lehre und Forschung aus. Bei diesem Betrag sind die Ausgaben für die Krankenversorgung in Höhe von 9,5 Milliarden Euro, die von den Krankenkassen refinanziert werden, nicht berücksichtigt. Die Länder trugen von diesen 19,1 Milliarden Euro 16,2, der Bund 2,4 Milliarden Euro, der Rest kam von privater Seite. Die Grundmittel werden den Hochschulen von den Ländern für Forschung und Lehre zugewiesen, ohne dass eine Aufteilung auf die Zwecke erfolgt. Folglich können die Aufwendungen für Forschung und Lehre nur mit Hilfe von Parametern ermittelt werden. Aufgrund internationaler Vereinbarungen geht man davon aus, dass 40 Prozent der Grundmittel an Universitäten (etwa 10 Prozent bei den Fachhochschulen) für Forschung ausgegeben werden. Damit ergaben sich im Jahre 2001 11,7 Milliarden für die Lehre und 8,5 Milliarden Euro für Forschung und Entwicklung.
Den größten Teil der Mittel geben die Universitäten - 15,8 Milliarden Euro - aus, 2,6 Milliarden Euro werden von den Fachhochschulen, 0,5 von den Musik- und Kunsthochschulen und 0,2 Milliarden von den verwaltungsinternen Hochschulen ausgegeben.
Die Entwicklung der Ausgaben der Hochschulen
Das statistische Bundesamt hat auf der Grundlage von allgemeiner Hochschulstatistik und Hochschulfinanzstatistik Betrachtungen über die Entwicklung der Ausgaben für die Lehre pro Studierenden im Zeitraum 1980 bis 2001 angestellt. Im Jahre 1980 wurden 4.600 Euro je Studierenden ausgegeben, im Jahre 2001 6.300. Unter Berücksichtigung der Preisentwicklung (sog. BIP-Deflator, BIP= Bruttoinlandsprodukt) sind die Ausgaben für die Lehre je Studierenden um 15,4 Prozent zurückgegangen. Es ist ein weiterer deutlicher Rückgang für den Zeitraum seit 2001 zu vermuten, weil die Mittel für den Hochschulbereich eher rückläufig sind, die Studierendenzahlen aber nach einem vorübergehenden Rückgang Mitte der 90er Jahre stark ansteigen und mit 2,1 Millionen einen historischen Höchststand erreicht haben.
Veränderte Finanzierungstrends
Die Verknappung der Mittel hat zu einer Veränderung der Hochschulfinanzierung insgesamt geführt. Die Verhältnisse von Grundausstattung, Verwaltungseinnahmen und Drittmittel haben sich in den letzten zwanzig Jahren verschoben. Vor allen Dingen hat eine gewisse Verlagerung von den Grund- zu den Drittmitteln stattgefunden. Der gesamte Umfang der Drittmittel belief sich im Jahre 2001 auf 3,1 Milliarden Euro. Gegenüber dem Jahr 2000 stiegen sie um 8,7 Prozent. Seit 1997 wuchsen sie insgesamt um 682,3 Millionen Euro. Dies entspricht einer Steigerungsrate von 28,5 Prozent. Mit den 2001 erzielten Drittmitteln konnten 12,1 Prozent der laufenden Hochschulausgaben gedeckt werden, an den Universitäten sogar 17,8 Prozent. Größter Drittmittelgeber der Universitäten ist die DFG (33 Prozent), gefolgt vom Bund (24,5 Prozent) und der Industrie (22,8 Prozent). Insgesamt kann festgehalten werden, dass der universitäre Bereich den verminderten Zufluss an Grundmitteln durch gesteigerte Drittmitteleinwerbungen kompensiert hat. Dabei hat keine Verlagerung vom öffentlichen Bereich zum privaten Bereich stattgefunden. Beide Bereiche haben in gleichem Maße ihre Drittmittelaufwendungen gesteigert.
Finanzierung der Hochschulen in den Ländern bis 2001
Zieht man Indikatoren für die Beurteilung der Frage heran, wie gut oder schlecht die Hochschulen im Vergleich der Bundesländer finanziert werden, so gelangt man je nach verwendetem Indikator zu höchst unterschiedlichen Ergebnissen. Dabei muss man sich darüber im Klaren sein, dass die Ergebnisse stark u.a. von der Fächerstruktur der Hochschulen eines Landes und von seiner Wirtschaftskraft etc. abhängen. So weisen Niedersachsen und Baden-Württemberg den größten Anteil von Hochschulausgaben am Gesamthaushalt ihres Landes aus. Bei den Ausgaben je Einwohner liegt Berlin an der Spitze vor anderen Stadtstaaten wie Bremen und Hamburg. Bei den Ausgaben je Studierenden führt Sachsen-Anhalt vor Mecklenburg-Vorpommern, gefolgt von Baden-Württemberg, Bayern und Thüringen. Die Betreuungsrelation war am besten im Saarland, gefolgt von Baden-Württemberg und Bayern. Berlin wiederum gibt den höchsten Anteil seines Bruttoinlandsproduktes für den Hochschulbereich (1,7 Prozent) während Bayern mit Brandenburg und Rheinland-Pfalz am Ende liegt (0,6 Prozent). Betrachtet man die Entwicklung der Ausgaben für den Hochschulbereich in den einzelnen Ländern über den Verlauf mehrerer Jahre bis 2001, so herrscht insgesamt ein stagnierender Trend vor, die preisbereinigten Zuwächse pro Jahr bewegen sich zwischen Null und einem Prozent, lediglich in den neuen Ländern waren zum Teil noch etwas stärkere Zuwächse zu verzeichnen, da ein gewisser Nachholbedarf bestand. Real stark rückläufig war die Entwicklung im Land Berlin, hier wurden die Ausgaben für die Hochschulen im Zeitraum 1995 bis 2001 um 16,5 Prozent zurückgefahren, pro Jahr um 2,75 Prozent. Die Entwicklung seit 2001 lässt sich aufgrund fehlender Zahlen noch nicht belegen.
Ausblick auf die nächsten Jahre
Aus einigen Ländern sind Einsparungen für Gegenwart und Zukunft bekannt: Berlin nimmt im Doppelhaushalt 2004 - 2005 eine Kürzung um 54 Millionen Euro vor, im Zeitraum 2006 - 2009 um weitere 75 Millionen Euro. Dies entspricht einer durchschnittlichen Kürzung um 27 Millionen Euro pro Jahr. In Bayern ist für 2004 eine Kürzung von 5 Prozent (dies entspricht 116 Millionen Euro) vorgesehen. Bremen will den Hochschulen im Zeitraum 2004 - 2010 90 Prozent der Mittel zuteilen, die als Grundbedarf - berechnet auf der Basis der unteren Grenze des derzeit berechneten Studienplatzbedarfs - ermittelt wurden. In Hessen werden im Jahre 2004 30 Millionen Euro eingespart. Davon sind 21 Millionen echte Einsparungen, 9 Millionen werden durch Kürzungen von Personalbezügen erbracht. Außerdem müssen die Hochschulen 40 Millionen Euro zur Sanierung des Landeshaushaltes durch Erhebung von Gebühren erwirtschaften. In Niedersachsen wird der Hochschulhaushalt im Jahre 2004 um 40,7 Millionen Euro gekürzt. In Sachsen-Anhalt erhalten die Hochschulen 2003 und 2004 90 Prozent ihres Etats von 2003, die Vergabe der restlichen 10 Prozent ist an die Durchführung von Strukturmaßnahmen gebunden. Ab 2006 soll eine dauerhafte Einsparung gegenüber 2003 um 10 Prozent (49,5 Millionen Euro) realisiert werden.
Links zum Thema
Online Bericht des Statistischen Bundesamtes "Zur finanziellen Lage der Hochschulen"
Zur Entwicklung der Studierenden und Studienanfängerzahlen
Internationale Vergleichszahlen (OECD-Veröffentlichung "Education at a Glance")
Positionspapier des Deutschen Hochschulverbandes vom 1.9.2004
Finanzindikatoren für die verschiedenen Bundesländer:
Grundmittel je Studierendem und Absolventen nach Ländern
Grund- und Drittmittel je Professor nach Ländern
Struktur- und Sparmaßnahmen in den einzelnen Ländern:
Ansprechpartnerin im HRK-Sekretariat: Brigitte Göbbels-Dreyling
(Seite zuletzt geändert: 2.9.2004)